In Vachendorf wird das Brot knapp. Pfarrer Hippelli mischt Gerste unter seinen Brotteig, Bauern helfen sich mit Hafergerichten, und vor der Tür bitten Menschen um etwas zu essen. Sein Bericht über die Teuerung von 1816 und 1817 führt eine weit entfernte Naturkatastrophe in die Lebenswelt unserer Gegend.

Ein Vulkan verändert die Bedingungen

Im April 1815 bricht der Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus. Schwefelhaltige Gase gelangen hoch in die Atmosphäre; aus ihnen entstehen Teilchen, die die Sonneneinstrahlung verändern. Der Ausbruch trägt zur außergewöhnlichen Abkühlung im folgenden Jahr bei.

1816 wird in Teilen Europas und Nordamerikas als „Jahr ohne Sommer“ erinnert. Kälte und ungünstige Witterung schädigen Ernten. Die Folgen unterscheiden sich regional und hängen auch davon ab, wie Vorräte, Handel und Hilfe organisiert sind.

Ein Ereignis in Indonesien erklärt deshalb nicht allein jedes örtliche Wetterdetail oder jede Preissteigerung. Es liefert den klimatischen Zusammenhang. Für die tatsächlichen Folgen in Vachendorf brauchen wir den lokalen Bericht.

Hunger, Arbeit und Hilfe im Dorf

Hippelli beschreibt knappes Getreide und die Suche nach Ersatz im täglichen Essen. Er berichtet von Dienstboten ohne Dienst und vielen Menschen, die um Brot bitten. Die Krise trifft damit nicht nur die Ernte, sondern auch die Arbeits- und Versorgungsmöglichkeiten.

Die genannten Zahlen sind Beobachtungen des Chronisten, keine moderne Bevölkerungsstatistik. Gerade in dieser Form machen sie sichtbar, was ihn beschäftigt: die Zahl der Bedürftigen, die Schwierigkeit der Versorgung und das Verhalten seiner Gemeinde.

Eine Behauptung, die gesamte Heu- und Getreideernte im Chiemgau sei vollständig ausgefallen, lässt sich daraus nicht ableiten. Die Quelle belegt schwere örtliche Not. Sie ersetzt keine flächendeckende Erntebilanz.

Traunsteiner Preise und Hippellis Urteil

Der Bericht notiert Lebensmittel- und Getreidepreise aus Traunstein für mehrere Termine im Jahr 1817. Unterschiedliche Qualitäten und damalige Maßeinheiten müssen beim Vergleich berücksichtigt werden. Eine Zahl in Gulden und Kreuzern ist ohne ihre Warenmenge noch kein verständlicher Preis.

Hippelli bewertet zugleich die politischen Umbrüche und die Verantwortung der Getreidehändler. Das ist seine Erklärung der Not, die wir von den notierten Preisen unterscheiden müssen. Die Quelle verbindet Beobachtung mit religiöser und gesellschaftlicher Deutung.

Den Bericht selbst lesen

Die folgende Bildstrecke und Transkription bewahren den bereits auf K.u.H. erschlossenen Quellentext. Die Transkription wurde für diese Aufsatzfassung nicht neu am Bild kollationiert. Historische Schreibweisen und die im Text stehenden Datierungen bleiben erhalten.

Die einleitenden Jahresangaben des Chronisten sind nicht durchweg richtig: Der Sturm auf die Bastille fand 1789 statt, die Hinrichtung Ludwigs XVI. 1793. Solche Abweichungen werden erklärt und im Quellentext nicht stillschweigend berichtigt. Auch die früher genannte Amtszeit Hippellis bis 1831 trifft nicht zu; er erhielt Vachendorf 1812 und starb 1822.

Transkription des Textes ausklappen

§ IV
Die Theurung

Nach dem Kriege 1815, welcher im Jahr 1788,
in Paris mit Bestürmung der Bastille seinen
Anfang nahm, dem König Ludwig dem 16ten
im Jahr 1791 das Leben kostete, und auch
seiner Gemahlin 1793 durch die Gillotin der Kopf
abgenommen wurde, und sich über ganz
Europa unter einem Korsikaner Napoleon
Bonaparte, der sich zum Kaiser von
Frankreich erhobe, verbreitete und
Religion und Sittlichkeit zernichtete,
die schönsten katholischen Stiftungen, als
Bischofthümer, Klöster, Spitäler, Waisen-
häuser etc. aufhobe; die Ornate der Kirchen,
als Monstranzen, Kelche, Ciborien, Meßkleidung
an sich zog. Mit einem Worte ganz Europa
ins Verderben brachte; waren mehrere
Mißjahre wovon 1800 und 1811 auszunehmen
sind und in den Jahren 1816 und 1817
wurden die Lebensmittel in Europa so
theuer, als sie noch niemals gewesen waren.
Ich selbst hatte im Jahr 1816 so wenig Korn
bekommen, daß ich unter das Brod den 4 ten  
Teil Gersten mischen ließe. Die Bauern
in der Pfarr Vachendorf behalfen sich

mit Haber Essen. Viele Dienstboten
hatten keine Dienste. Die Anzahl der
armen Bettler war sehr groß wie man
sich denken kann, sie baten nur um
Brod, 30 bis 40 kamen des Tages, selbst
Bauernweiber mit ihren Kindern. Es
wurden zwar einige Schafe gestohlen,
doch war das stehlen gegen die Noth
betrachtet nicht vielfälltig verstehet
sich in hiesiger Pfarr Gemeinde.
Den 19. May 1817 war der Preis
der Lebensmittel in Traunstein
folgender:

Die Metze Weizen. (in Gulden-Kreuzer fl-kr)
bester 11-10
mittlerer 10-2
geringster 8-20

Die Metze Korn
bester 8-40
mittlerer 8-3
geringster 9-40

Die Metze Gersten
bester 9–
mittlerer 6-45
geringster 5-10

Die Metze Haber
bester 3–
mittlerer 2-10
geringster 1-30

Maas Bier               6 Xr  
2 Eyer                  6 Xr  
1 P. Schmalz           34 Xr  
1 P. Rindfleisch       10 Xr  
1 P. Kalbfl.       10 Xr  
1 P. Schweines.      14 X  
1 P. ?.          30 Xr  
1 P. ?          28 Xr  
1 P. Lein-Oel          28 Xr 

Ich kaufte vom Becker zu Siegsdorf
ein roggen Brod Batzenleibl es wog
8 1/2 Loth, und kostete 4 Kreutzer
Ein Semmel um 1 Kreutzer wog 1/2 Loth
1 1/2 quintl

Den 28. Juni 1817 war der Getreidepreis
folgender:

Weitzen die Metze
bester 10-30
mittlerer 11-59
geringer 9-59

Korn die Metze
bestes 9-59
mittleres 8-49
geringes 8-49

Gersten die Metze
beste 7-12
mittlere 6-6
geringe 6-6

Haber die Metze
bester 2-46
mittlerer 2-20
geringer 1-30

Den 21ten Juni 1817 war der Getreidepreis
in Traunstein folgender:

Weitzen die Metzen
bester 15
mittlerer 14-21
geringer 11-30

Korn die Metze
bestes 9-50
mittleres 9-18
geringes 8-50

Gersten die Metze
beste 7-50
mittlere 7-20
geringe 7—

Haber die Metze
bester 2-50
mittlere 2-28
geringe 1-48

Die Maas Sommerbier 8 1/2 Kreutzer
Den 26. Julin 1817 fing man an, Korn
zu schneiden, und es wurden sehr viele
Freuden Feste angestellt, da die Erstlinge
der gesegneten Fluren eingeerndtet wurden.

So endete eine Theuerung der
Lebensmittel, welche noch niemals im
solchen Grade existiert hatte, wozu
aber die Getreidehändler mit dem
unerhörten Wucher das meiste beytrugen.

Hippelli

Quellen und Hinweise

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