
Wo das Spinnen wieder Sinn macht
Pressebericht von Jochen Nistler · Ereignisdatum 13.11.2025 · DOCX-Arbeitsstand vom 13.11.2025
Berichtet über: Gunkeln in der Künstlerwerkstatt Bergen am 13. November 2025
Beim Gunkeln in Bergen: kein Programm, kein Kurs – gelebte Kultur im besten Sinn. Foto: Jochen Nistler.
Wo das Spinnen wieder Sinn macht
Gunkeln in Bergen: Wie ein beinahe vergessener Brauch im 21. Jahrhundert kulturell neu auflebt
Die Hände arbeiten, die Stimmen klingen leise durcheinander. Zwischendrin ein Lachen, eine Frage, eine Erinnerung. Es ist Donnerstagnachmittag in Bergen und in einem Raum, der so schlicht wie einladend ist, wird etwas getan, das man lange für verschwunden hielt: Es wird gegunkelt.
Der alte Chiemgauer Begriff bezeichnete einst das gesellige Zusammensitzen in den dunklen Monaten, meist in der Spinnstube, mit Rocken und Spindel, mit Geschichten, Liedern und Sprüchen. „Gunkl gehn“, das war kein offizieller Termin sondern ein soziales Ritual tief verankert im dörflichen Leben.
Heute ist davon nicht viel geblieben. Die Spinnräder stehen im Museum oder auf dem Dachboden. Das gemeinsame Erzählen ist oft durch Bildschirme ersetzt und die Geselligkeit weicht der Effizienz. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich in Bergen nun wieder ein Kreis von Menschen trifft. Nicht aus Nostalgie kommen sie zusammen, sondern aus echtem kulturellen Bedürfnis.
Ein Ort für kulturelles Gedächtnis im Tun
Einmal im Monat versammeln sich in der Künstlerwerkstatt Bergen einige Frauen, manchmal sind es fünf, manchmal auch zehn, um gemeinsam zu handarbeiten. Sie tauschen sich aus, sie lernen voneinander.
Wer hierher kommt muss nichts mitbringen außer Zeit. Es geht nicht um Produktion oder Perfektion, sondern um das, was früher ganz selbstverständlich war: gemeinsam Zeit verbringen, mit Händen und Worten, mit Fäden und Fragen. Auch Zuschauen ist erlaubt. Zuhören sowieso.
Und immer wieder entsteht ein kleiner fast beiläufiger Moment, der zeigt worum es wirklich geht: „Ich wollt schon immer mal wissen, wie man ein Loch in der Ferse stopft“, sagt eine. „Komm her, ich zeig’s dir“, sagt die andere. Keine Bühne. Keine Anleitung. Nur Weitergabe. Menschlich. Echt.
Kultur, die nicht ausgestellt wird sondern die lebt
Was hier geschieht ist kein inszeniertes Brauchtum. Es ist gelebte Kultur im Alltag jenseits von Kuratierung und Kulisse. Gerade weil es weder beworben noch verwertet wird hat es Tiefe. Das Gunkeln in Bergen steht exemplarisch für eine Bewegung, die in vielen Regionen wieder spürbar wird: die Rückbesinnung auf verbindende Rituale jenseits der Digitalität.
Es geht dabei nicht um die Rückkehr ins Gestern, sondern eher um die Frage, was wir aus dem Gestern für das Heute retten können. Das Gunkeln war einst Gemeinschaft und mündliche Überlieferung. Und vielleicht ist es genau das, was vielen heute fehlt.
Ein kulturelles Plädoyer für das Langsame
In einer Welt, die vieles beschleunigt ist das Gunkeln eine kleine Verlangsamung. Keine spektakuläre, keine, die schlagzeilenwirksam wäre aber eine bedeutungsvolle. Hier wird Kultur nicht konsumiert, sondern geteilt. Sie wird nicht ausgestellt, sie wird praktiziert.
Dass dies mitten im Chiemgau in einem kleinen Ort wie Bergen geschieht ist kein Zufall. Es braucht Orte, die bereit sind zuzuhören. Und Menschen, die noch wissen dass Kultur nicht nur in Konzertsälen stattfindet, sondern auch am Arbeitstisch mit Nadel und Faden, mit Strickzeug und Häkelnadel.
Quellen und Hinweise
Quelle: DOCX-Hauptfassung von Jochen Nistler, SHA-256 ec1a6c592690bb854a9050286e27b3b86571fb4a02e34c89faca87deb174c0d9. Ereignisdatum: 13.11.2025; DOCX-Arbeitsstand: 13.11.2025. Die ausgewählten Bilddateien stammen aus dem zugehörigen Publikationsordner; Fotograf: Jochen Nistler. Vor der Veröffentlichung wurde der öffentliche Bestand auf Titel-, Slug-, Absatz- und Volltextdubletten geprüft.