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Kunstgeschichte für Normalbürger – Das 14. Jahrhundert

26. Oktober 2026

Text: Jochen Nistler

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Der Biscione, das Schlangenmotiv der Visconti, an einem Wappen in Vigevano. Diese Aufnahme zeigt das Familienzeichen, nicht Maddalenas persönliches Siegel.
Aimo und Vermondo reiten zur Jagd: lombardische Buchmalerei um 1400, Anovelo da Imbonate zugeschrieben. J. Paul Getty Museum, Ms. 26. Ein Vergleich aus derselben Kunstwelt, nicht das unten besprochene Krönungsmissale. Gemeinfrei.
Tierstudien aus dem Musterbuch Giovannino de’ Grassis, spätes 14. Jahrhundert. Biblioteca Civica Angelo Mai, Bergamo. Genaues Beobachten und kunstvolle Gestaltung gehören hier zusammen. Gemeinfrei.
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Ein persönlicher Blick auf die Kunst um 1350–1400 – von Mailand über Landshut und Burghausen bis in den Chiemgau.

Wie ich über Madda bei einer Schlange gelandet bin

Ich habe eigentlich einen Roman schreiben wollen. Über Maddalena Visconti, eine junge Mailänderin, die 1381 einen bayerischen Herzog heiratet und in ein Leben aufbricht, das andere für sie vorbereitet haben. Inzwischen beschäftige ich mich mit mittelalterlichen Siegeln, steinernen Marienfiguren und der Frage, wie eine Schlange einen Menschen im Maul halten kann, ohne dabei völlig unpraktisch auszusehen.

So geht das offenbar, wenn man einer Frau aus dem 14. Jahrhundert näherkommen möchte. Irgendwann muss man auch ihre Verwandtschaft im Wappen kennenlernen.

Die Schlange heißt Biscione. Der Name bezeichnet im Italienischen eine große Schlange. Als Zeichen der Visconti begegnet sie mir inzwischen überall: auf Wappen, an Gebäuden und in kostbaren Handschriften. Über die Gestalt in ihrem Maul wird bis heute unterschiedlich erzählt. Schon deshalb halte ich mich mit einer einzigen, angeblich eindeutigen Erklärung lieber zurück.

Bei Maddalenas Siegel wird aus dem Familienzeichen etwas Persönliches. Da treffen die Herkunft aus Mailand und die bayerische Verbindung aufeinander. Andere Familien stellen dafür zwei Hochzeitsfotos nebeneinander. Hier genügt ein Siegel. Was ich mir über ihre Gedanken ausmale, bleibt erfunden. Eine in ihrem Namen ausgestellte und besiegelte Urkunde ist dagegen ein wirklicher Berührungspunkt mit ihrem Leben.

Gemaltes Wappen mit der gewundenen Visconti-Schlange in einem architektonischen Rahmen.
Der Biscione, das Schlangenmotiv der Visconti, an einem Wappen in Vigevano. Diese Aufnahme zeigt das Familienzeichen, nicht Maddalenas persönliches Siegel. Foto: Giorces, gemeinfrei.

Das Mittelalter war nicht überall braun

Ich merke bei solchen Recherchen, wie schnell sich fertige Bilder einschleichen. Mittelalter: Burg, Kirche, lange Gewänder. Wenn man es besonders historisch haben will, regnet es. Dazu ein paar Menschen, die schweigend durch den Schlamm gehen. Wir haben das oft genug gesehen.

Dann schlage ich eine Handschrift aus Mailand auf und plötzlich wird es leuchtend rot, blau und golden.

Das 14. Jahrhundert war keine Wartezeit, in der die Künstler untätig herumstanden, bis endlich jemand die Renaissance erfand. Schon Giotto und die Maler in Siena hatten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts eindrucksvoll mit Körpern, Räumen und Gefühlen gearbeitet. In der zweiten Hälfte kamen an verschiedenen Orten neue Lösungen hinzu. Es gab keinen gemeinsamen Schalter, den ganz Europa gleichzeitig auf „modern“ stellte.

Ein gemalter Raum musste auch nicht immer so aussehen, wie ihn eine Kamera aufnehmen würde. Ein wichtiger Mensch konnte durch seine Größe hervorgehoben werden. Gold konnte einen heiligen Bereich kennzeichnen. Das waren bewusste Möglichkeiten, etwas zu zeigen. Ich sollte nicht jedes Bild zuerst darauf prüfen, ob seine Fliesen richtig nach hinten kleiner werden.

Ein Buch für Gott und den Herzog

Besonders hängen geblieben bin ich an dem prachtvollen Krönungsmissale aus Sant’Ambrogio in Mailand. Es erinnert an die Erhebung Gian Galeazzo Viscontis zum Herzog im Jahr 1395. Die Handschrift aus dem Umfeld Anovelo da Imbonates wurde 1400 vollendet. Ihr Bildprogramm lässt darüber hinaus den Wunsch nach einer Königswürde erkennen. Bescheidenheit scheint in dieser Familie nicht durchgehend das bevorzugte Ausdrucksmittel gewesen zu sein.

Auf der Seite, die mich so begeistert hat, stehen Geistliche, Höflinge und bewaffnete Männer dicht beieinander. Dazwischen und darum herum finden sich Ranken, Bäume, Tiere, Wappen und Schriftbänder. Man schaut auf die große Szene und entdeckt dann am Rand noch einen Vogel. Und noch einen. Der Rand ist hier keineswegs die Fläche, die nach dem eigentlichen Bild übrig geblieben ist.

Die wiederkehrende Taube mit dem Spruch „À bon droit“ gehört zur Zeichenwelt der Visconti. Auch die Schlange tritt auf. Solche Motive machen sichtbar, wem dieses kostbare Buch verbunden ist. Gottesdienst, Herrschaft und Familienbewusstsein begegnen sich auf derselben Seite. Dazu kommt eine Freude am Gestalten, die mich nach mehr als sechshundert Jahren noch erwischt.

Die Basilika Sant’Ambrogio zeigt das Krönungsmissale auf ihrer eigenen Website. Die folgende Jagdszene stammt aus einer anderen Handschrift. Sie führt in dieselbe lombardische Kunstwelt um 1400.

Illuminierte Handschriftenseite: Reiter verlassen ein Gebäude und ziehen mit Hunden zur Jagd.
Aimo und Vermondo reiten zur Jagd: lombardische Buchmalerei um 1400, Anovelo da Imbonate zugeschrieben. J. Paul Getty Museum, Ms. 26. Ein Vergleich aus derselben Kunstwelt, nicht das unten besprochene Krönungsmissale. Gemeinfrei.

Internationale Gotik: elegant und erstaunlich aufmerksam

Für die höfische Kunst dieser Zeit begegnet mir der Begriff „Internationale Gotik“. Er klingt zunächst ein wenig nach einer Tagung mit Namensschildern. Gemeint ist eine Kunst, deren Formen sich über die Höfe und Werkstätten Europas verbreiteten. Künstler, Bücher und kostbare Gegenstände waren unterwegs. Frankreich, Böhmen und Italien standen auf vielfältige Weise miteinander in Verbindung.

Typisch sind elegante Figuren, geschwungene Linien, prächtige Gewänder und sorgfältig ausgearbeitete Einzelheiten. Der verwandte Begriff „Weicher Stil“ wird besonders für die sanften Formen und fließenden Gewandfalten der Kunst um 1400 verwendet. Beide Begriffe helfen beim Hinschauen. Sie bedeuten nicht, dass nun jedes Bild zwischen Mailand und Bayern gleich aussah.

Mich fasziniert vor allem, wie genau manche Künstler Tiere und Pflanzen beobachtet haben. Im Musterbuch Giovannino de’ Grassis aus dem späten 14. Jahrhundert finden sich Tierstudien, bei denen ich länger hängen bleibe als an manchem großen Herrscherbild. Da schaut einer hin. Das ist für mich oft der schönste Anfang von Kunst.

Historisches Musterblatt mit Jagdhunden, Wildschwein und einem gefleckten Tier in einem Wappenmedaillon.
Tierstudien aus dem Musterbuch Giovannino de’ Grassis, spätes 14. Jahrhundert. Biblioteca Civica Angelo Mai, Bergamo. Genaues Beobachten und kunstvolle Gestaltung gehören hier zusammen. Gemeinfrei.

Im Original blättern: Das Musterbuch von Giovannino de’ Grassi und seiner Werkstatt lässt sich in der Biblioteca Digitale Lombarda digital durchblättern. Die Katalogseite der Handschrift Cassaf. 1.21 nennt Herkunft und Nutzungsbedingungen. Der Bildbetrachter benötigt JavaScript.

Natürlich haben Menschen nicht erst um 1400 entdeckt, dass Vögel Federn haben. Neu ist nicht die Natur selbst und auch nicht jede Form der Naturbeobachtung. Bemerkenswert ist, welches Gewicht das genaue Hinschauen in bestimmten Werken erhält und wie selbstverständlich es neben Goldgrund, höfischer Eleganz und religiösen Bildern bestehen kann.

Für meinen Roman ist das anregend. Madda liebt Blumen und interessiert sich für das, was wächst. Diese Vorliebe habe ich ihr gegeben. Ich habe dafür keinen mittelalterlichen Einkaufszettel mit ihren Lieblingspflanzen gefunden. Aber die Bilder ihrer Zeit helfen mir, sie nicht einfach als heutige Gartenfreundin in ein langes Kleid zu stecken.

Mailand baut – und ist noch lange nicht fertig

1386 begann der Bau des Mailänder Doms. Maddalena lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Bayern. Wer sich ihre Heimat vorstellt, darf also nicht einfach die heute vertraute, vollständig ausgebaute Kathedrale hinter ihre Kindheit setzen.

Historische Städte haben die unangenehme Angewohnheit, zur jeweiligen Romanzeit noch nicht fertig zu sein.

Der Dom wurde zu einem gewaltigen Unternehmen. Der Marmor kam aus Candoglia. Fachleute verschiedener Herkunft brachten ihre Kenntnisse mit und mussten sich über Bauweise und Gestaltung verständigen. Eine Großbaustelle bleibt eine Großbaustelle, auch wenn die Beteiligten noch keine Warnwesten tragen.

Gotische Baukunst konnte viel Licht in einen Kirchenraum holen und enorme Höhen erreichen. Spitzbögen und Gewölbe gehörten zu einem ausgeklügelten Zusammenspiel von Form und Konstruktion. Das war schön anzusehen und musste trotzdem halten. Die Bauleute hatten nicht nur ein Gefühl für das Erhabene. Sie mussten auch wissen, wohin die Lasten gingen.

Landshut ist die Krone, Burghausen das Schwert

So habe ich mir die beiden bayerischen Orte für den Roman zunächst zurechtgelegt: Landshut als Ort des Regierens, Burghausen als Ort der Sicherung und Verteidigung. Das ist ein erzählerisches Bild. Natürlich wurde auch in Burghausen regiert und in Landshut auf Sicherheit geachtet.

Die Burg über Landshut hatte schon lange vor Maddalenas Ankunft eine bedeutende Geschichte. Wesentliche Teile der Hauptburg standen bereits im 13. Jahrhundert. Mit dem vertrauten Namen Trausnitz muss ich für ihre Zeit jedoch aufpassen: Er setzte sich für die Landshuter Burg erst im 16. Jahrhundert durch. Ein bekannter Name rutscht schneller in einen Roman als ein ganzer falscher König.

Auch Burghausen besteht aus Bauphasen. Die Burg, durch die wir heute spazieren, war damals nicht in allen Teilen dieselbe. Die äußere Burgkapelle, die Hedwigskapelle, entstand erst 1479 bis 1489. Madda kann dort nicht beten. So gern ich sie vielleicht hineingesetzt hätte.

Mailand und Bayern möchte ich dabei nicht als Kulturzentrum und hinterwäldlerischen Gegenpol erzählen. Höfe, Klöster, Kaufleute und Reisende verbanden die Regionen. Die Unterschiede waren trotzdem spürbar: andere Baumaterialien, andere Werkstätten, andere Möglichkeiten der Auftraggeber. Der Mailänder Marmor und der bayerische Backstein gehören beide zur Geschichte dieser Zeit.

Für Madda werden aus diesen Orten Lebensräume. In Mailand liegt ihre Herkunft. In Landshut muss sie ihren Platz in einer Ehe und an einem fremden Hof finden. Burghausen wird ein Ort ihrer Kinder, ihrer Verantwortung und ihrer Einsamkeit. Eine Burg kann einen Menschen schützen. Ob er sich in ihr geborgen fühlt, ist eine andere Frage.

Was davon im Chiemgau geblieben ist

Bei uns wird die Suche besonders interessant. Eine Kirche, die heute vor uns steht, kann einen mittelalterlichen Kern, spätere Gewölbe, barocke Altäre und eine Ausstattung aus mehreren Jahrhunderten besitzen. Ich kann nicht vor die Tür treten und sagen: So, jetzt habe ich das 14. Jahrhundert fotografiert.

Ein eindrucksvolles Kunstwerk mit Verbindung zum Chiemgau ist die Pietà aus Seeon im Bayerischen Nationalmuseum. Sie wird nach Prag um 1390 eingeordnet und ist aus Kalkstein gearbeitet. Maria hält den toten Christus auf dem Schoß. Die Herkunft aus dem ehemaligen Kloster Seeon ist dokumentiert. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass die Figur schon um 1390 dort stand.

Diese kleine Einschränkung macht sie für mich nicht weniger bedeutend. Sie verhindert nur, dass aus einer Herkunftsangabe unbemerkt eine erfundene Reisegeschichte wird.

Vor einer solchen Figur wird mir klar, wie wenig das Schlagwort vom „finsteren Mittelalter“ erklärt. Hier hat jemand einer Mutter ein Gesicht gegeben, die ihr totes Kind hält. Dafür brauche ich zunächst kein kunsthistorisches Wörterbuch. Ich muss hinsehen und einen Augenblick aushalten, was ich sehe.

Vieles, was wir heute in unseren Kirchen als spätgotisch bewundern, entstand erst im 15. Jahrhundert. Gerade die Unterscheidung lohnt sich: Was war zu Maddalenas Zeit schon da? Was kam später dazu? Und was ist verschwunden? Auch das gehört zur Heimatkunde. Sie wird nicht ärmer, wenn wir genau hinschauen.

Der Mann hinter vielen Heiligenbildern

Bei meinen Recherchen begegnet mir außerdem immer wieder ein Mann, der bereits vor Maddalenas Geburt gestorben war: Jacobus de Voragine, auch Iacopo da Varazze genannt. Er wurde um 1228/29 geboren, war Dominikaner und später Erzbischof von Genua. 1298 starb er. Seine „Legenda aurea“, die Goldene Legende, stellte er seit etwa 1260 zusammen und bearbeitete sie weiter.

Er erfand nicht sämtliche Geschichten neu. Er sammelte und ordnete ältere Überlieferungen über Heilige und kirchliche Feste. Daraus wurde eines der einflussreichsten Bücher des späteren Mittelalters. Prediger konnten daraus schöpfen. Leser begegneten darin den Heiligen. Künstler und ihre Auftraggeber fanden Erzählstoffe, die sich in Bilder übersetzen ließen.

Wenn man also vor einem Heiligenbild steht und sich fragt, warum da ausgerechnet ein Drache, ein Rad oder ein ungewöhnlicher Gegenstand auftaucht, lohnt sich oft der Blick in solche Geschichten. Die Bildsprache setzte Kenntnisse voraus, die vielen von uns heute fehlen. Nicht jedes Bild erklärte sich damals von selbst. Aber die Erzählungen waren durch Predigt, Festtage und weitere Überlieferung im Leben der Menschen gegenwärtig.

Gutenberg kennt fast jeder. Jacobus deutlich weniger. Dabei hat der eine die Verbreitung von Texten durch eine technische Neuerung verändert und der andere einen gewaltigen Bestand an Erzählungen vermittelt. Keine identische Leistung, gewiss. Aber Jacobus dürfte in der öffentlichen Erinnerung ruhig einen größeren Platz bekommen. Wenigstens einen ordentlichen Stuhl neben dem Bücherregal.

Mit Madda anders hinschauen

Je länger ich an diesem Roman arbeite, desto weniger kann ich Madda von dieser Welt trennen. Ihre Schlange gehört dazu, das prächtige Mailänder Buch, die Burg über der Salzach und die stille Trauer einer steinernen Mutter. Kunst steht nicht bloß dekorativ hinter ihr herum. In den Bildern und Bauten ihrer Zeit begegnen sich Glaube, Herrschaft, Schönheit und sehr menschliche Erfahrungen.

Ich wollte wissen, wie diese Frau gelebt haben könnte. Jetzt sehe ich mir an, wie ihre Zeit geschaut hat. Und manchmal komme ich ihr über einen gemalten Vogel oder einen alten Siegelabdruck näher als über eine ganze Seite mit Jahreszahlen.

Die Jahreszahlen behalte ich trotzdem. Schon damit Madda nicht wieder in einer Kapelle landet, die erst achtzig Jahre später gebaut worden ist.

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